Wie gesagt: Die Tage verliefen ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Auch zuhause gab es keine außergewöhnlichen Ereignisse, wie mit Bohnensuppe vollgeklatschte Küchenwände. Mein Mitbewohner Klaus und sein Tatortreiniger Peter liefen turtelten wie zwei verliebte Teenager durch die Wohnung. Wenn sie das Haus verließen, liefen sie händchenhaltend an der Zoohandlung vorbei und winkten.
An einem Abend machte Peter einen Abstecher auf die andere Straßenseite und warf Günni einen Fünf-Euro-Schein in seine Baseballkappe. Überrascht nahm dieser die großzügige Spende entgegen und trottete in den Imbiss nebenan.
Ich und Verena nutzten diesen Moment. Wir schlossen den Laden und schlichen uns, unbemerkt vom Döner kaufenden Günni, davon. Genauergenommen flohen wir auf Verenas alten Hollandrad. Verena trat tüchtig in die Pedale und ich machte es mir, mehr oder weniger, auf dem Gepäckträger bequem.
Das Rad hatte sich meine Freundin vor ein paar Jahren in Amsterdam gebraucht gekauft und seitdem mit unzähligen Aufklebern verziert. Von der ursprünglichen dunkelgrünen Lackierung war deshalb nichts mehr zu sehen.
Dafür konnte man jetzt Sprüche wie: „Ich bremse auch für Zombies“, „Ein Herz für Männer“, „I love my bike“ oder „Have you hugged your bike today?“ lesen. Anstelle einer Klingel thronte am breiten Lenker eine mächtige schwarze Hupe, mit der sich Verena oft und gerne lautstark bemerkbar machte. Jetzt verzichtete sie auf einen geräuschvollen Abgang. Wir radelten schell und leise davon. Mit uns auf der Flucht: Hinz und Kunz, Günther-Maria und Hans und Franz.
Als wir an unserem Ziel, Christians Haus, ankamen, musste es Verena aber einfach tun. Kaum hatte sie ihr Fahrrad an die Hauswand unter die „Das Leben ist eine Sackgasse“, „Ficken ist geil“ und „Ich liebe Dich! Dein G.G.“ Kritzeleien gelehnt, betätigte sie kraftvoll ihre Fahrradhupe. Verena schaute erwartungsvoll zu Christians geöffneten Wohnzimmerfenster hinauf und war enttäuscht, dass sich nichts tat.
Allerdings öffnete sich die Haustür und Frau Meier trat auf den Bürgersteig. Sie schaute uns und unseren kleinen Privatzoo an und schüttelte den Kopf. Dann sicherte sie die Tür mit einem kleinen Holzstück vorm Zufallen und verschwand wieder. Sie erschien erneut mit einem Eimer in der Hand und schüttete den Inhalt, Dreckwasser vom Putzen, in den Gulli vor dem Haus. Wir nutzen die offene Tür und huschten in den Hausflur. Frau Meier rief: „Schuhe abtreten. Ich habe gerade gewischt, Herrgottsackra“ hinter uns her. Wir ignorierten sie und liefen mit unseren seit gefühlten 345 Jahren nicht mehr geputzten Straßenschuhen die Treppe hinauf.
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