Friday, 20. march 2009 5 20 /03 /März /2009 12:30

Wie gesagt: Die Tage verliefen ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Auch zuhause gab es keine außergewöhnlichen Ereignisse, wie mit Bohnensuppe vollgeklatschte Küchenwände. Mein Mitbewohner Klaus und sein Tatortreiniger Peter liefen turtelten wie zwei verliebte Teenager durch die Wohnung. Wenn sie das Haus verließen, liefen sie händchenhaltend an der Zoohandlung vorbei und winkten.

An einem Abend machte Peter einen Abstecher auf die andere Straßenseite und warf Günni einen Fünf-Euro-Schein in seine Baseballkappe. Überrascht nahm dieser die großzügige Spende entgegen und trottete in den Imbiss nebenan.

Ich und Verena nutzten diesen Moment. Wir schlossen den Laden und schlichen uns, unbemerkt vom Döner kaufenden Günni, davon. Genauergenommen flohen wir auf Verenas alten Hollandrad. Verena trat tüchtig in die Pedale und ich machte es mir, mehr oder weniger, auf dem Gepäckträger bequem.

Das Rad hatte sich meine Freundin vor ein paar Jahren in Amsterdam gebraucht gekauft und seitdem mit unzähligen Aufklebern verziert. Von der ursprünglichen dunkelgrünen Lackierung war deshalb nichts mehr zu sehen.

Dafür konnte man jetzt Sprüche wie: „Ich bremse auch für Zombies“, „Ein Herz für Männer“, „I love my bike“ oder „Have you hugged your bike today?“ lesen. Anstelle einer Klingel thronte am breiten Lenker eine mächtige schwarze Hupe, mit der sich Verena oft und gerne lautstark bemerkbar machte. Jetzt verzichtete sie auf einen geräuschvollen Abgang. Wir radelten schell und leise davon. Mit uns auf der Flucht: Hinz und Kunz, Günther-Maria und Hans und Franz. 

Als wir an unserem Ziel, Christians Haus, ankamen, musste es Verena aber einfach tun. Kaum hatte sie ihr Fahrrad an die Hauswand unter die „Das Leben ist eine Sackgasse“, „Ficken ist geil“ und „Ich liebe Dich! Dein G.G.“ Kritzeleien gelehnt, betätigte sie kraftvoll ihre Fahrradhupe. Verena schaute erwartungsvoll zu Christians geöffneten Wohnzimmerfenster hinauf und war enttäuscht, dass sich nichts tat.

Allerdings öffnete sich die Haustür und Frau Meier trat auf den Bürgersteig. Sie schaute uns und unseren kleinen Privatzoo an und schüttelte den Kopf. Dann sicherte sie die Tür mit einem kleinen Holzstück vorm Zufallen und verschwand wieder. Sie erschien erneut mit einem Eimer in der Hand und schüttete den Inhalt, Dreckwasser vom Putzen, in den Gulli vor dem Haus. Wir nutzen die offene Tür und huschten in den Hausflur. Frau Meier rief: „Schuhe abtreten. Ich habe gerade gewischt, Herrgottsackra“ hinter uns her. Wir ignorierten sie und liefen mit unseren seit gefühlten 345 Jahren nicht mehr geputzten Straßenschuhen die Treppe hinauf. 

von Günther-Maria Müller-Schmidt-Meyer - Community: Alltagswahnsinn
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Tuesday, 3. march 2009 2 03 /03 /März /2009 10:24

Die nächsten Tage verliefen ruhig. Mit der Hilfe meiner Mutter und meiner Freundin Verena hielt ich den kleinen Tierfreund am Laufen. Verena hatte sich inspiriert durch meinen plötzlichen Haustierzuwachs wieder zwei Ratten angeschafft: Hinz und Kunz. Schon vor Jahren hatte sie die Ratten Tom und Jerry als treue Wegbegleiter ständig in den ausgebeulten Ärmeln ihres Strickpullis mit sich herum getragen. Irgendwann hatten sie das Zeitliche gesegnet und Verena trug endlich auch mal ein anderes Oberteil. Allerdings hatte sie den Pulli verwahrt und ihn jetzt für Hinz und Kunz wieder übergestreift.

Die beiden kleinen Nager halfen Verena auch über ihren Liebeskummer hinweg. Johannes, auch Josh genannt, der ihr vor kurzem in der Unicafete einen Kaffee über die Hose geschüttet hatte und damit bei ihr ein Feuer der Liebe entfachte, hatte sich mit einem neuen Heißgetränk über eine andere junge Dame hergemacht. Eigentlich wollten die beiden zum Surfen an den Gardasee fahren. Daraus wurde nun nichts. Ich schlug Verena hingegen vor, mich nach Hamburg zu begleiten. Schließlich hatte ich noch einen Tattoo-Gutschein einzulösen. Meine Freundin war begeistert. Stundenlang fachsimpelten wir nun über mögliche Motive, die demnächst meinen Rücken verschönern sollten. 

Wir waren uns einig, dass in meinem Tattoo auf keinen Fall ein Herz vorkommen sollte. Mein Verehrer Glatzen-Günni wäre da wahrscheinlich anderer Meinung gewesen. Mit Hingabe bemalte er in weiteren Nacht- und Nebelaktionen sämtliche Häuser in der Straße mit Herzen und Liebesschwüren. Tagsüber saß er, bekleidet mit seiner super hässlichen Flicken-Lederjacke, auf einem Klappstuhl auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig und starrte in die Zoohandlung. Irgendwie merkwürdig, aber man gewöhnt sich ja an alles. Für Günni hatte diese Stalker-Aktion aber einen durchaus netten Nebeneffekt. Neben seinem Stuhl hatte er eine alte Baseballkappe auf den Asphalt gelegt. Ab und zu warf jemand ein bißchen Kleingeld in die Kopfbedeckung. Vielleicht sparte er ja auf eine neue Jacke.

von Günther-Maria Müller-Schmidt-Meyer - Community: Sprechen durch Schreiben
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Monday, 16. february 2009 1 16 /02 /Feb. /2009 12:20

Natürlich musste ich, wie man so schön sagt, keinen Besen fressen. Nachdem eine Naht ihrer Tasche aufgeplatzt war, gab Frau Hermann ihr aussichtsloses Vorhaben auf. Ich war verwundert, dass sie aufgrund ihres ruinierten Luxustäschchens nicht in Ohnmacht fiel oder zumindest irgendein Schimpfwort von sich gab. Sie murmelte nur „Ich habe etwas im Auto vergessen“, rannte zu ihrem Wagen, setzte sich auf den Fahrersitz und fuhr davon.

Obwohl sie das natürlich nicht hören konnte, rief ich ihr hinterher: „Ähmmm, hallo. Jetzt haben Sie aber etwas im Laden vergessen“. Ich blickte auf Hans, der versuchte seinen rosa Strickpulli von seinem Hundeleib zu reißen und auf Franz, der sich immer noch kratzte und gähnte.

Es hatte den Anschein als hätte Frau Herrmann sich mal flugs ihrer Möpse entledigt.

Ein paar Tage später erfuhr ich von der Cousine von der Mutter einer Freundin den Grund für diese Tat. Die Kartoffelfrau auf dem Wochenmarkt hatte erzählt, dass Frau Herrmann beim Tanztee einen Herrn namens Horst Martin Freiherr von und zu Hastenichtgesehen kennen gelernt hatte. Im Wiener Walzer ¾ – Takt waren die Liebesfunken geflogen. Der adlige Herr, ein gutaussehender Sky du Mont-Typ und angeblich sehr vermögend, hatte in das pralle Dekolleté seiner Tanzpartnerin geschaut, von seinem Landhaus in der Provence und von Skiurlauben in St. Moritz geschwärmt und gesagt: „Komm mit mir. Ich lege dir die Welt zu Füßen, mon Chéri “.

Einen Haken hatte die ganze Sache allerdings: Herr von und zu Hastenichtgesehen mochte wohl Frau Hermanns Möpse, aber nicht ihre Hunde.

Frau Hermann, die zeitlebens von einem reichen Märchenprinz geträumt hatte war nun in einem echte Dilemma. Was sollte sie tun? Hans und Franz waren wie ihre Kinder, aber der adlige Herr hatte versprochen ihr die ganze Welt zu Füßen legen. Das Einzige was ihr die nicht ganz stubenreinen Hunde zu Füßen legen konnten, war ein frisch gekacktes Würstchen.

Somit entschied sie sich gegen Hans und Franz und ließ sie im kleinen Tierfreund zurück. Herr Engelbrecht, da war sie sich sicher, würde sich gut um sie kümmern.

Da dieser ja nun verhindert war - ein Telefonat aus dem Krankenhaus klärte mich auf, dass er sich den Oberschenkelhals gebrochen hatte - nahm ich die Hunde in meine Obhut.

Meine erste Amtshandlung als neue Hundebesitzerin war die Befreiung der Möpse von ihren ungeliebten Kleidungsstücken. Ich zog Hans und Franz ihre tuntigen Jäckchen aus und wedelte ihnen damit so lange vor ihren zerknautschten Nasen rum, bis sie zuschnappten. Ein bißchen hier zerren, ein wenig dort zubeißen und die teure Hund-Haute-Couture zerfiel in tausend Fetzen. Was für ein Spaß!

von Günther-Maria Müller-Schmidt-Meyer - Community: Schriftsteller
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Monday, 9. february 2009 1 09 /02 /Feb. /2009 14:23

Meine Mutter hatte mit ihren Freundinnen schon den Laden verlassen und sich hinter das Lenkrad ihres alten orangefarbenen VW-Busses gesetzt, als ihr noch etwas einfiel. Also kam sie zurück, öffnete kurz die Ladentür und sagte:

"Italien. Irgendwie verbinde ich deinen Vater mit Italien“.

War er vielleicht Italiener?“, stellte ich die naheliegende Frage.

Meine Mutter zuckte nur mit den Schultern, winkte noch einmal und ging.

Ich beobachtete wie sie beim Ausparken ihres Bullis fast von einem vorbeifahrenden Fahrzeug gerammt wurde und verzog das Gesicht vor Schreck. Ich verharrte in dieser Bewegung, mit verzerrtem Mund, hochgezogenen Augenbrauen und gekräuselter Nase, als ich das Auto betrachtete, dass jetzt die frei gewordene Parklücke in Beschlag nahm. Es war ein alter gelber Mercedes. Ein Fahrzeug, dass ich, bis auf die Leopardenfell-Sitzbezüge, ziemlich cool fand. Es gehörte Frau Hermann. Sie war um die 60 Jahre alt, trug mit Vorliebe Leoparden- oder  Tigerfellimitat und war die Stammkundin schlechthin im kleinen Tierfreund. Jeden Montag, seit gefühlten 100 Jahren, fuhr sie kurz vor 14 Uhr mit ihrem Mercedes vor. Wenn sie keinen Parkplatz fand, parkte sie einfach in der zweiten Reihe. Dann stieg sie aus, nahm ihre kleinen Möpse Hans und Franz auf den Arm und tippelte auf extrem hohen Absätzen in ein quietschgrünes Haus, an dem eine riesige rote Reklametafel professionelle Mani- und Pediküre anpries. Kurze Zeit später erschien sie dann in der Zoohandlung – mit frischem Lack auf den Fingern- und Zehennägeln. Sie kaufte dann dieses und jenes, nervte mit Sonderwünschen und ließ sich anschließend die Tüten von Herrn Engelbrecht zu ihrem Wagen tragen – schließlich würde sie sich ja sonst ihre frisch hergerichteten Nägel ruinieren.

Nun sollte diese Aufgabe also auf mich zukommen. Ich musste schlucken.

Allerdings irritierte mich der Blick auf meine Uhr. Es war bereits 15:10 Uhr. Irgendetwas stimmte nicht. Tatsächlich ging Frau Hermann nicht wie gewohnt in das grüne Haus der Nagelpflege, sondern stolzierte schnurstracks auf den kleinen Tierfreund zu. Sie betrat das Geschäft, grüßte kurz und setzte Hans und Franz auf den Boden. Hans, der einen lächerlichen rosa Strickpulli trug, trottete auf mich zu, setzte sich vor meine Füße und blickte mich erwartungsvoll an. Ich gab ihm ein Leckerli und begann sein Ohr zu kraulen. Franz, gekleidet in weißem Pelz, kratzte sich an einer intimen Stelle und gähnte.

Ist Herr Engelbrecht da“, fragte Frau Hermann nervös.

Die Schilderung des vor kurzen eingetretenen Leiterunfalls machte ihr sichtlich zu schaffen.

Sie orderte einen 20-Kilo-Sack Hundetrockenfutter und versuchte ihn in ihre kleine Gucci-Handtasche zu stopfen. Ich verfolgte diesen Vorgang gespannt und dachte mir insgeheim: Wenn ihr das Kunststück gelingt, fresse ich einen Besen.


von Günther-Maria Müller-Schmidt-Meyer
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Tuesday, 20. january 2009 2 20 /01 /Jan. /2009 11:51

Erinnert sich noch jemand an „Nipplegate“? Im Jahr 2004 entblößte der Sänger Justin Timberlake während der Halbzeitpause des Super Bowls seiner Duett-Partnerin Janet Jackson durch einen heftigen Ruck am Oberteil die rechte Brust. Die mehr oder weniger entsetzte Weltöffentlichkeit bekam dabei Janets Brustwarzenpiercing zu sehen: ein sonnenförmiges sogenanntes Nippleshield.

Das Piercing war in den Wochen danach der Renner rund um den Planeten. Mit etwas Verspätung war dieser Trend jetzt tatsächlich auch bei meiner Mutter angekommen - zwei silberne Sonnen zierten ihre Brüste.

Nach der Information „die habe ich jetzt seit ein paar Wochen“ verschwanden die Sonnen wieder unter BH und T-Shirt.

Ich überlegte, ob ich meine Mutter nach weiteren Veränderungen an ihrem Körper fragen sollte, entschied mich dann aber für eine Frage, die mir viel mehr unter den Nägeln brannte: „Wer ist mein Vater?“

Ein Raunen ging durch das Ladenlokal. Meine Mutter schaute mich irritiert an. Insgeheim ärgerte sie sich wohl, dass sie, zur Ablenkung von diesem Thema, keine weitere „Neuanschaffung“ wie eine gespaltene Zunge oder ein überdimensionales Branding vorweisen konnte.

Ich möchte die Wahrheit wissen“, mahnte ich meine Mutter.

Sie setzte sich auf die Theke und schaute kurz in die Runde.

Du möchtest die Wahrheit wissen?“, fragte sie nach einem Seufzer.

Ok, hier ist die Wahrheit. Ich habe stinkbesoffen auf einer Party mit einem pickeligen Studenten geschlafen“.

Erneut ging ein Raunen durch den Raum.

Insgeheim hatte ich ja mit so etwas gerechnet. Warum sonst hatte mir meine Mutter nie darüber erzählt.

Und bevor Du fragst“, entgegnete sie, „nein, ich weiß nicht wie er heißt. Ich war zu besoffen“.

Na ja, immerhin konnte sie sich daran erinnern, dass er über eine pickelige Haut verfügte. Allerdings war das tatsächlich kein Anhaltspunkt, um nach ihm zu suchen.

Zusammen mit den Damen des Kaiserin-der-Herzen-Fanclubs machte ich es mir ebenfalls auf dem langen Verkaufstresen bequem. Dann lauschten wir der Geschichte meiner Mutter. 

Nachdem ihr Mann Hans nach Kanada gegangen war, sei sie ziemlich fertig gewesen.

An einem Abend habe sie in einem Anflug von unendlichem Frust in ihrer Küche eine Unmenge an alkoholischen Getränken zu sich genommen. In der Wohnung über ihr hatten lautstark junge Leute eine Party gefeiert. Das Trampeln der Füße, das laute Gelächter und die noch lautere Musik habe sie ebenfalls mächtig gestört. Laut brüllend sei sie die Treppe hochgeschlurft und in die Wohnung gestürmt. Irgendein junger pickeliger Typ habe zu ihr gesagt: „Nicht ärgern – mitfeiern“ und ihr einen Drink in die Hand gedrückt. Dann – Filmriss. An mehr könne sie sich einfach nicht erinnern. Sie sei morgens im Treppenhaus aufgewacht und dann ins Bett gegangen.

Ein paar Wochen später offenbarte ihr dann ein Schwangerschaftstest, dass sie ein Kind erwartete.

Die Studenten-WG ein Stockwerk höher hatte sich in der Zwischenzeit aufgelöst. Stattdessen wohnte dort ein schwerhöriges altes Ehepaar.

Irgendwie war ich nach dieser Geschichte noch nicht mal enttäuscht. Wenn mein Vater tatsächlich ein pickeliger Student war, dann war ich nur froh, dass ich wenigstens nicht seine Hautprobleme geerbt hatte.



von Günther-Maria Müller-Schmidt-Meyer - Community: Alltagswahnsinn
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